Tag 12

Tag 12

Ich würde gern mal nur eine launige Plauderei schreiben oder oberflächliche Beobachtungen absondern, aber dieses Kloster hier ist wie eine Streuobstwiese in einer Berliner Laubenkolonie im Herbst. Die reifen Früchte der Erkenntnisse fallen einfach herab.

Die Frühmesse heute war nicht ganz so fix wie sonst. Ein orthodoxer Lehrer mit seinen drei Schülern ist hier und die Jungs zwischen 16 und 20 Jahren in Jeans, wattierten Jacken und dem ersten Pflaum auf der Oberlippe haben zusammen mit dem Stammpersonal die Messe zelebriert. Das volle Programm mit Gebet und schönem Gesang über 2½ Stunden. Das haben die Jungs echt fein gemacht, die jugendlichen Stimmen sind schon sehr schön ausgebildet. Wenn Du 150 Minuten auf einem Fleck stehst, hast Du viel Zeit für eigene Gedanken.

Als ich drei Jahre alt war, hat meine Mutter mich verlassen. Den Rest der Familie natürlich auch, doch das realisiert ein 3-jähriger nicht. Das Gefühl der Verlassenheit war so überwältigend, dass gute 50 Jahre lang ein sehr solider Betondeckel auf dem emotionalen Anteil der Erinnerung lag. Als ich vier Jahre alt war, habe ich meine Heimat verloren. Wir sind umgezogen, 150 Km weit weg und mir ist das erst gesagt worden, als wir im Auto saßen und der Wagen anfuhr. Ich konnte mich nur noch umdrehen und mein Geburtshaus durch die Heckscheibe kleiner werden sehen. Kein Abschied möglich. Das hat sich noch mehrfach wiederholt und bezeichnender Weise sind auch meine Eltern jeweils von jetzt auf gleich gestorben. Zack, weg… Seit dem war ich immer auf der Suche nach Heimat und Halt. Diese Suche war an manchen Stellen ziemlich verzweifelt und hat mich in der Rückschau sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben teils unglückliche Entscheidungen fällen lassen. Viel schwerwiegender war aber immer die Angst vor dem erneuten Verlust. Dieser innere Mangel hat mich an Zuständen festhalten lassen, die längst einer Veränderung oder eines Endes bedurft hätten. Das war nicht gut. Weder für mich, noch für die Menschen in meiner engen Umgebung. Erst die Krebserkrankung war bedrohlich genug, mir die Kraft zu geben, dieses Muster zu überwinden. Diese Reise ist der ultimative Beweis dafür, denn ich habe mich vor der Abreise gezielt jeglicher äußerer Basis beraubt. Wenn ich zurückkomme, habe ich keine Wohnung und keine Einnahmen. Macht nichts, findet sich. Und wenn nicht, kann ich immer noch ins Kloster gehen. Ich weiß ja jetzt, wie’s geht…

Das waren die Gedanken heute während der Frühmesse. Am 12.05.2017 habe ich die Diagnose bekommen, dass der Krebs gestreut hat. Am 20.05.2017 habe ich mein Dankbarkeitsbüchlein begonnen, als Gegengewicht zu den schrecklichen Gefühlen, die ich damals hatte. Eine einfache kleine Kladde, im Postkartenformat, liniert. Da trage ich alles ein, wofür ich meine dankbar sein zu können. Von ganz groß bis ganz klein und ab und zu blättere ich darin und lese. Dann freue ich mich über die vielen schönen Erlebnisse und meine Entwicklung. Der Eintrag für den 24.11.2018 lautet:

„Ich bin meine Heimat, ich trage sie im Herzen. Sie ist überall.“

14 Gedanken zu „Tag 12

  1. Jörg Antworten

    Lieber Götz,
    ich lese all Deine Beiträge hier sehr aufmerksam und bin immer wieder tief berührt.
    Ich freu mich auf unser nächstes Wiedersehen, wann auch immer das sein wird.
    Liebe Grüße aus dem Erzgebirge
    Jörg

  2. Thomas M. Antworten

    Lieber Götz. Mit deinen Worten schaffst du es nicht nur, dass man selber viel nachdenken (muss), sondern hat sofort den Wunsch oder Drang sich neben Dich zu setzen und zu reden. Du bist klasse.
    Mann, Götz! Wenn Du mal in Leipzig bist oder hierher kommen magst, du weißt ja…

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Ich weiß. Leipzig ist immer eine Reise wert. Das Leben bringt und schon noch zusammen. Danke!

  3. Rebekka Antworten

    Lieber Götz, was soll ich sagen… Ich lächle. Bin sehr beeindruckt und dankbar dafür, dass ich an deiner Reise teilhaben darf. Sehr mutig und inspirierend. Danke 🙂
    Ganz liebe Grüße, Rebekka

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Ich freue mich schon darauf, Dir bei einer Tüte Deiner handgeschöpften Trüffel mehr zu erzählen.

  4. Marlis Lamers Antworten

    Das erinnert mich an unser gemeinsames Abendessen im Sommer 2014 in Berlin. Wir aßen Pizza, tranken Wein und stellten fest, dass man uns unserer Wurzeln beraubt hatte.
    Und wie leer, kalt und beschissen das Leben im Außen ist.
    Und jetzt haben wir ähnliche Strategien, eine veränderte Sicht auf unsere Leben zu entwickeln…du nach einer üblen Diagnose, ich nach einem emotionalen Tsunamie.
    Ich bin auf deine weitere Reise, sowohl geografisch als auch emotional gespannt.
    Und reite nicht immer auf deinem jugendlichen Alter rum😀.

  5. Robert Haydecker Antworten

    Lieber Götz, deine Worte berühren mich sehr. Bei mir war es ein schwerer Unfall der mich auf eine intensive Reise geschickt. Ich kann Dir gut nachfühlen. Danke für das Teilen Deiner Gedanken.

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Lieber Robert, gefühlt habe ich es schon immer, doch unser kurzes Gespräch auf der DKM hat mir gezeigt, dass Du weit über den Tellerrand hinaus blickst. Schön Dich zu kennen.

  6. Jenny Völker Antworten

    Lieber Götz, ich lese Deinen Blog und bin sehr dankbar, dass ich an Deiner Reise teilhaben darf. Wir hatten lange nichts von einander gehört, doch manchmal ist Zeit kein Gradmesser. Ich bin tief ergriffen von den Einblicken, die Du teilst und freue mich auf ein Wiedersehen mit Dir …
    Ganz liebe Grüße Jenny

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Liebe Jenny,
      wir werden viel zu erzählen haben.

      Viele Grüße
      Götz

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