Tag 20

Tag 20

Warnung: ich muss es heute mal so formulieren, wie ich es denke. Wenn das nicht so Dein Ding ist, solltest Du diesen Tag einfach überspringen.

Im Kloster wurde kein Essen weggeworfen. Alles kam immer wieder auf den Tisch oder wurde weiter verarbeitet. Ob das auch für die Pansensuppe gilt, weiß ich Gott sei Dank nicht, da war ich schon abgereist. Man kann auch mal Glück haben.

Vor 50 Jahren hat meine Generation gehört „denk an die armen Kinder in Afrika. Die wären froh wenn sie was zu essen hätten“, wenn wir bezüglich des Essens gemault haben. Ich habe den Spruch gehasst, aber wenn ich sehe, wie heute beim Frühstück mit Nahrungsmitteln umgegangen wurde, könnte ich kotzen und dazwischenhauen. Was den Gören alles zugestanden wird, belastet meine Toleranzgrenze auf das Äußerste. Wenn ich satt bin und keine Aprikosen aus der Dose mag, warum knalle ich mir dann den halben Hotelvorrat auf den Teller? Kein 10-jähriger kann den Riesenberg Frühstücksspeck fressen, den er sich aufladen hat. Es ist klar, dass 4 Brötchen neben allem anderen nicht geschafft werden. Warum nicht nur eins holen und wenn dann noch Luft ist, ein zweites Mal gehen? Halbwegs lustig und mit geringen Verlusten war noch das 14-jährige Girlie, dass keine Wurstpelle mag und versucht hat, ein Hot-Dog Würstchen abzupellen. Sowas dauert. Nach ¾ des Weges hat sie aufgegeben und das Würstchen angeekelt fallen lassen.

Rundum saßen Kinder im Vorschulalter mit Smartphones. Direkt nebenan saß ein 4-jähriger mit einem Tablet. Der hat die ganze Zeit gespielt und nebenbei irgendwas in sich reingestopft. Nach dem Frühstück weiß der weder, wo er gewesen ist, noch was er gegessen hat. Ich könnte schreien wenn ich sehe, wie Eltern ihren Kindern die Erziehung verweigern. Wie soll der Zwerg sich irgendwann mal in der Welt zurechtfinden? Wie soll der ein eigenständiges Leben führen, in Beziehungen zu seinen Mitmenschen treten, kommunizieren von Angesicht zu Angesicht, sich im Regelwerk des menschlichen Miteinanders auskennen, wenn er mit Elektronik ruhig gestellt wird, weil es mühsam und lästig ist, sich mit einem Kleinkind auseinander zu setzen?

Vielleicht bin ich nach 3 Wochen Kloster hypersensibel, aber wir brauchen doch sonst auch für jeden Scheiß einen Befähigungsnachweis. Versuch mal in einem deutschen Betrieb einen Gabelstapler ohne Staplerschein zu bewegen. Das gibt aber Mecker vom Sicherheitsbeauftragten. Immer wenn jemand gebissen wird, wird der Ruf nach einem bundesweiten Hundeführerschein laut. Wie wäre es denn mit einem Erziehungsführerschein? Die Feststellung der Schwangerschaft wird durch den Frauenarzt an die zuständige Behörde gemeldet und diese bestellt die künftige Mutter und den wahrscheinlichen Erzeuger zur obligatorischen Ausbildung in Kindererziehung ein. Bei Nichterscheinen automatische Sperrung der Handy-SIM-Karte. Vier ganze Wochenenden Grundkurs bis zur Geburt und anschließend jedes halbe Jahr drei Stunden Fortbildung bis zur Volljährigkeit der Göre. Zack, fertig.

So, dass musste raus, das war der Nörgelteil. Ich fühle mich schon viel besser.

Ab in die Stadt, Bukarest anschauen. Bei -9° Grad hält sich meine Ausdauer im Sightseeing in Grenzen. Der Kontrast zwischen völligem Bruch, Verwahrlosung und wunderschön Hergerichtetem ist spannend. Schön nicht immer, doch die Spuren eines sozialistischen Diktators werden sich wohl noch Jahre durch Stadt und Land ziehen. Ich habe irgendwo gelesen, dass Rumänien in der Entwicklung anderen Ländern um gute 10 Jahre hinterher hinkt. Ich würde nicht wagen zu widersprechen. Wieder einen tollen Espressoladen gefunden. Neben der eigenen Ware verkaufen die geschätzte 50 Kaffees aus Deutschland, Österreich und Italien. Espressotechnisch wäre mein Überleben hier also gesichert, falls ich mal zwangsumgesiedelt werde.

 

In Sekunde 20 seht Ihr den Palast von Carol I.

 

Während der Rückfahrt mit dem Taxi in Stopp and Go gekommen. Was macht der Taxifahrer? Er teilt seine Schokolade mit mir, während wir warten. Ohne Worte.

Im Hotel ist Aufwärmen angesagt und die Einweihung der neuen Badehose steht an. Ab in die Sauna und ins Schwimmbad. Wunderbare Anlage, sehr gepflegt, alles schick. Der Kernunterschied zu uns lautet: auf gar keinen Fall ohne Badebekleidung in die Sauna!

Beim zweiten Saunagang erscheint SIE mit ihrem Freund oder was auch immer er ist. Gemachte Titten in der Größe von sehr ordentlichen Honigmelonen, gemachter Arsch, Haare bis dahin, rote Fingernägel, volle Kriegsbemalung, Ganzkörpertattoos und ein Bikini, der zusammengerechnet weniger als die Fläche eines DIN-A4 Blattes hat. Wie dehnbar Elastan ist, unglaublich. Ein wandelndes Klischee. Als meine Zeit um ist, gehe ich raus, duschen, ruhen. So sagen es die Saunaregeln, so ist es gesund. Danach in den Außen-Jacuzzi. Der Freund war schon da und 5 Minuten später kam sie nach. Im Wasser angekommen sprach sie das erste Mal. Tonfall zwischen gelangweilt und leichtem Nörgeln, Tonhöhe knapp unter Ultraschall. Klischee bestätigt. Wir liegen ein paar Minuten friedlich im warmen Blubberwasser, als der Freund plötzlich ein Handy in der Hand hält und anfängt, von ihr Fotos zu machen. Nicht einfach so Fotos! Entweder sind das Bewerbungsfotos für einen Job im horizontalen Gewerbe oder mindestens für eine Nebenrolle im nächsten Pornofilm. Alter Falter. Zwischendrin kommt ein kleiner, dicker Mann aus dem Schwimmbad zu uns rüber und fällt auf der Treppe fast auf die Fresse, weil er mit großen Kulleraugen und offenem Mund zusieht und die Stufen verfehlt. Du schmeißt Dich weg… 🙂 Das hat die Beiden überhaupt nicht gestört. Als ein weiterer Mann dazukam, der sich ganz ungeniert so platziert hat, dass er den optimalen Blick auf das ganze Geschehen hatte, habe ich das Wasser verlassen. Man weiß ja nie. Aber auf keinen Fall ohne Badebekleidung in die Sauna! 🙂 🙂

Letzte Story, dritter Saunagang. Ein grauhaariger Herr liegt auf der oberen Bank, Kopf links, Füße nach rechts. Ich auf der mittleren Bank, Kopf rechts, Füße nach links. Wir schauen uns also gegenseitig auf die Fußsohlen. Eine ganz normale Saunasituation, bis er auf einmal anfängt, sein Bauchmuskeltraining zu absolvieren. Füße mit gestreckten Beinen bis hoch an die Decke, Beine spreizen, Beine zusammen, Beine absenken ohne die Hacken auf dem Holz abzulegen, Beine anziehen, Beine ausstrecken usw. Das Ganze ging über mehrere Minuten, wie er so direkt vor meinen  Augen seine Beine spreizt und wieder schließt. Natürlich von den Geräuschen seiner Anstrengung untermalt und begleitet von der Musik aus den Saunalautsprechern. Es lief gerade „Nothing Compares 2 U“ von Sinéad O’Connor. Jetzt schön das Kopfkino einschalten.

Mal ganz ehrlich, mehr Unterhaltung kann man doch in zwei Stunden im Schwimmbad kaum reinpacken.

Morgen ist Reisetag in die Türkei. Da habt Ihr Eure Ruhe vor mir.

12 Gedanken zu „Tag 20

  1. Jutta Antworten

    Jo, Erziehungsverweigerung scheint ja noch weiter verbreitet als ich dachte ;-), da werd ich ja nie in Rente gehen können;-)
    Drück dich kleiner Bruder, guten Flug

  2. Regine Antworten

    Die ersten Kinder dieser verweigerten Erziehung habe ich in meinem Job in der Psychiatrie schon getroffen. Ein wahrer Graus.

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Dann wünsche ich Dir einen gut gelaunten Tag mit Deinen Geschäftspartnern und dass Du positive Wellen mit in den Feierabend nimmst.
      Good vibrations. Yeah, man… 🙂

  3. Jörg Laubrinus Antworten

    Ist das geil, mein Bester:-):-):-) Ich habe mich köstlich mit Dir amüsiert. Voller Zuneigung verfolge ich Deinen Weg und bin mir zu 100% sicher, dass ALLES kommt. Lass Dich finden. Auf bald. Jörg

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