Tag 5

Tag 5
Das Beitragsbild ist der legendäre Stuhl aus dem Kloster Vladiceni, auf dem ich etliche Stunden verbracht habe. Zum Abschied habe ich vom Abt eine Tüte mit Geschenken bekommen, u.a. diesen selbstgebrannten Pflaumenschnaps mit 50 Vol.%. Der spielt weiter unten noch eine gewichtige Rolle.

Mein Abschiedsgeschenk vom Abt aus Vladiceni.

Heute fiel der erste Schnee, jetzt dürfte es bald vorbei sein mit der Rosenblüte.

Schnee im Kloster Vladiceni
Schnee im Kloster Vladiceni

Auf der Fahrt hierher mit Michael haben wir uns intensiv unterhalten über Rumänien. Ich habe noch keine abschließende Meinung, aber es scheint ein Land in einer sehr schwierigen Situation zu sein.

Das Kloster Neamt liegt abseits von allem. Wenn ich Ruhe und Besinnung finde, dann hier. Der erste Eindruck ist der einer uralten, überwältigend schönen Anlage. Wir sind in der Dämmerung angekommen und ich habe erst mal nur die Sachen ins Zimmer geknallt. Dann fix zum Essen und noch schnell etwas Wasser im Klosterladen einkaufen, denn im Gegensatz zu Vladiceni gibt es hier keinen Wasserspender. Der Mönch Antonio spricht ziemlich gut Deutsch und hat mich in ein längeres Gespräch über die Unterschiede der katholischen zur orthodoxen Kirche verwickelt. Ihr dürft raten, welche Kirche gewonnen hat...

Dann zurück ins Zimmer und in Ruhe geschaut.

Die Bude ist nicht nur alt, sondern auch kalt und schmutzig. Matratze, Decke und Kopfkissen sind ganz sicher noch unter kommunistischer Herrschaft eingekauft worden und ich sitze hier in Pulli zzgl. Fleecejacke und wärme mich mit dem Pflaumenschnaps. Ich habe ja wieder mal keine Ahnung, was ich mir vorgestellt hatte, aber sowas nicht.

Der Hardcorebereich ist aber das Badezimmer. Natürlich auch gefilmt, alleine schon um mit der Reiseagentur die nötige Diskussion führen zu können. Außerdem erwarte ich Eure Anteilnahme und Euer Mitgefühl...

Alle Toiletten in Rumänien waren bisher tip top, von den Flughäfen über das Museum in Iasi, die öffentlichen Toiletten im Kloster Vladiceni bis zur Tankstelle heute auf dem Weg hierher. Zu dem hier kann ich nur sagen: anderes Zimmer im Neubau. Morgen wird geredet.

11 Gedanken zu „Tag 5

    • Dirk S Antworten

      Das sieht wirklich nicht nach mitteleuropäischen Standard aus, also hast du mein Mitgefühl. Aber bedenke: du bist hier in Osteuropa und in einem der ärmsten noch dazu. Die Frage ist ja eher: was wurde dir versprochen? Du schreibst von einer Reiseagentur, die offensichtlich involviert war. Da lohnt es sich natürlich, die Infos weiter zu geben und ggf etwas den Preis zu reduzieren.
      Nimmst du im Kloster am Alltag Teil mit der ganzen Liturgie? Wenn ja, wie sieht die den aus? Und vor allem: was hat dich dort hin gebracht, was ist dein Ziel?
      Ich bin in Gedanken bei dir !
      Herzlich, Dirk

      • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

        Ziel: mich selbst finden. Wer bin ich, was will ich, wie will ich den Rest meines Lebens leben? Eigentlich eine Fortführung der Arbeit vom NWTA, gekoppelt mit der Frage, ob ich es mit mir alleine inzwischen aushalte, denn vorm alleine sein habe ich viel Angst gehabt früher und oft gekniffen oder mich abgelenkt, was in Berlin ja nun gar kein Problem ist. Die Frage des Alleinseins wird hier im Kloster geklärt, denn ich bin der einzige Deutsche hier. Zwischenstand nach einer Woche: es geht viel besser als gedacht.
        Am Alltag teilnehmen? Eine komplexe Frage. Es werden pro Tag 2 oder 3 Messen zelebriert, jede dauert mindestens 2,5 Stunden, eher drei. Die Kirchen sind unbestuhlt, man steht also oder kniet abschnittsweise, wobei so ein Abschnitt gerne mal 30 Minuten dauert. Die Gläubigen und auch Teile der Mönche kommen und gehen aber nach ganz eigenem Gutdünken. Der ganze Ablauf scheint mehr eine Art Angebot zu sein und man nimmt sich den Teil, den man möchte. Instrumente gibt es nicht, da Metall nicht beten kann. Das war die Antwort von Mönch Antonio auf meine Frage nach einer Orgel. Es wird also nur gesungen und gebetet, wobei ich ja kein Wort verstehe und somit auch bisher keinerlei Struktur erkennen kann. In Vladiceni habe ich eine Messe fast komplett mitgemacht und erst nach 150 Minuten stehen auf dem Fleck abgebrochen, hier habe ich mir heute die Frühmesse eine Stunde lang gegönnt. Die Gläubigen aller Schichten sind mit großer Inbrunst dabei. Man bekreuzigt sich unendlich oft (noch keine Regel erkannt) und küsst die Ikonen der Reihe nach ab wenn man dran ist, was bei uns alleine schon aus Hygienegründen zur sofortigen Schließung der Kirche führen würde… 😉 Die Ikonen werden teilweise aus von der Bevölkerung gespendetem Schmuck hergestellt. Der wird eingeschmolzen und dann zur Ikone geformt. So küsst Du heute vielleicht an der Stelle die Hand der Marien-Ikone, die früher mal Omi’s Ehering war. Wer weiß. In der Klosterkirche hier in Neamt steht eine Marien-Ikone von ungefähr 1×1 m Größe auf einem unten offenen Gestell. Die Gläubigen stehen in einer Reihe davor, bekreuzigen sich mindestens 3-mal, berühren nach jedem Bekreuzigen den Boden, küssen dann die Ikone, um dann unter der Ikone hindurchzukriechen. Auf der anderen Seite wieder aufstehen und weiter bekreuzigen. Und nicht dass Du denkst, das machen nur die Alten und die Armen: auch der Audi-Q7-Fahrer und Busladungen voll mit Teenagern sind dabei. Die Kirche brummt. Alles ganz anders als bei uns und die Kirche ist auf jeden Fall integraler Lebensbestandteil. Mal schauen, wie viel ich noch verstehe bis zum 1. Dezember.

  1. = sisa Antworten

    Ach du Scheiße, so könnte ich auch nicht entspannt zur Ruhe kommen.
    Wird das ein Klosterhopping?

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Ne, dass ist das letzte Kloster. Eine Woche in Vladiceni, zwei Wochen in Neamt war und ist der Plan.

  2. Björn Antworten

    Mein Mitgefühl wird dich verfolgen. Du wolltest aber auch das Leben in allen seinen Varianten sehen. Nun hast du eine! Jetzt bitte nicht gleich auf Touri machen und über Reiseagenturen schimpfen. Jeder bekommt so viel wie er verarbeiten kann – was soll das hier für Dich sein? Liebe Grüße mein Freund!

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Die Botschaft meines Zimmers ist, für mich einzustehen, was ich heute getan habe, indem ich ruhig und deutlich den Umzug in ein anderes Zimmer gefordert habe. Ich bin im zentralen und damit alten Teil des Klosters untergebracht und es gibt ca. 80 m vom Tor entfernt ein modernes Gästehaus mit Flatscreen in der Eingangshalle. Ich will auch nicht den verwöhnten Touri mimen. Heute am Sonntag war nichts zu machen, aber morgen will der für die Zimmer zuständige Abt für Abhilfe sorgen. Ich bin wieder runter vom Baum, möchte jedoch versuchen, Dir meinen Standpunkt zu verdeutlichen.
      Die maximale Temperatur im Zimmer mit voll aufgedrehter Heizung war 16,5° Grad (und die Heizung ist in der Nacht und heute über Tag bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt zeitweise ausgefallen). Das wäre zum Schlafen eigentlich ganz brauchbar, doch die Bettdecke ist so alt und so stockig, dass sie kaum wärmt und eher Verdunstungskälte produziert. Nachts mit klappernden Zähnen aufzuwachen war noch nie mein Ding, das hatte ich zu Bundeswehrzeiten für den Rest meines Lebens ausreichend.
      Wenn die Heizung ausfällt gibt es folgerichtig auch kein warmes Wasser, was mich jedoch kaum belastet hat, da ich beschlossen habe, in diesem Badezimmer die Dusche nicht zu betreten. Wenn Du dir den Film zu Bad genau anschaust, erkennst Du, dass die Heizungsrohre und Wasserzuführungen von einem findigen Handwerker durch die Duschwanne an der Wand entlang verlegt wurden. So etwas habe ich noch nie gesehen. 4 Rohre, hinter die beim jedem Duschen Wasser fließt, aber so verlegt, dass niemand dahinter putzen kann. Die Duschverkleidung wurde rechts und links aufgesägt, Rohre verlegt und dann die Löcher mit Bauschaum gefüllt. Wenn das erklärte Ziel der Arbeit die Konstruktion einer Schimmelzucht war, kann ich eindeutig feststellen: läuft!
      Das Ganze zu einem Tagespreis, der ca. 2/3 des Nettomonatsverdienstes in Rumänien beträgt. Zum Vergleich: bevor ich das Land verlasse, bin ich noch 2 Tage in Bukarest zur 100-Jahr-Feier der großen rumänischen Union von 1918. Da bin ich im Ramada Plaza Bucharest eingebucht. 4 Sterne inkl. riesiger Wellnesslandschaft und einer Bewertung von 8,7/10. Das kostet weniger.
      So, dass musste mal raus. Nun ist aber auch gut.

      • Björn Antworten

        Herrlich! Eine Reaktion fast wie erwartet! Es ist nicht schön und aufregen ist/war erlaubt!!! Wir sind ja keine unemotionalen Maschinen. Manchmal vernebelt das aber den Blick auf die Geschichte hinter der Geschichte… 👍🏻😊

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