17.10.2019

In einer kurzen Hose sitze ich in meinem Campingstuhl zwischen Wohnwagen und dem Cabriolet und genieße die letzte helle Zeit dieses wunderbaren Oktobertages. Während ich heute kreuz und quer durch mein Revier gefahren bin, habe ich bei strahlendem Sonnenschein die Farbpalette des Herbstes in vollen Zügen genossen.

„Hast du Scheiße am Schuh, hast du Scheiße am Schuh.“ Wer hat diesen legendären Spruch in einem Interview, unmittelbar nach Spielende rausgehauen? Richtig, Andy Brehme. Für mich gilt heute das Gegenteil. Wenn es läuft, dann läufts. Erst hatte ich wochenlang nichts zu sagen, jetzt schon zwei Tage hintereinander.

Ist dir schon mal aufgefallen, was für eine sensationelle Sprache Italienisch ist? Ich habe heute im „il pomodoro“ zu Mittag gegessen. Wenn eine Italienerin das mit der richtigen Betonung ausspricht, klingt es wie ein Versprechen, dass du gleich den besten Sex deines Lebens haben wirst. Da kannst du dir als Deutscher mit „die Tomate“ so viel Mühe geben wie du willst, es klingt bestenfalls nach einem brauchbaren Salat. Aber nur, wenn du ordentlich Zwiebeln mit dazu tust.

Ich also heute Mittag rein ins „il pomodoro“ und Pizza Roma mit Salami, Schinken, Champignons und dazu ein Viertele Montepulciano bestellt. Optimistisch betrachtet und drangvolle Enge in Kauf nehmend bot der Raum Platz für 17 Personen. Einer davon war ich, zwei Stühle waren unbesetzt und die anderen 14 Plätze waren bereits von Menschen in Beschlag genommen worden, die ihren Ruhestand auskosten. 14 Rentner und Rentnerinnen, wie es schien alle gut miteinander bekannt und es gab schon ordentlich Hefeweizen zur Pizza oder wahlweise Wein aus ½-Liter Karaffen. Der Geräuschpegel war entsprechend. Wenn Rentner über 0,3 Promille im Turm haben, geht es lautstärkemäßig ab. Nein, das ist kein Vorurteil, sondern empirisch gesicherte Erkenntnis!

Nur eine ältere Dame direkt am Kopfende des Tisches und damit mir schräg gegenüber sitzend war komplett außen vor. Sie hatte den Gesichtsausdruck, die Mimik eines Menschen, der schon sehr lange Zeit nahezu vollständig sozial isoliert ist. Es ist natürlich nur eine Vermutung, doch ich denke, dass ihr zwei schicke kleine Hörgeräte der allerneuesten Generation extrem weiterhelfen würden. Ein klares Plädoyer für den Berufsstand der Hörgeräteakustiker. Irgendwann habe ich irgendwo aufgeschnappt, dass der Verlust der Sehfähigkeit für den Betreffenden natürlich schlimm ist, aber der Verlust des Hörvermögens führt in die totale Isolation. Daran musste ich denken, als ich sie mit versteinertem Gesicht, nach innen gekehrt, in der tosenden Umgebung, die angefüllt war vom Lachen ihrer Mit-Rentner habe sitzen sehen.

Irgendwann habe ich aus dem Getöse Wortfetzen einer weiblichen Stimme aufgeschnappt. „Das habe ich schon als Kind gehasst.“ Eine männliche Stimme antwortete „ja, als Kind sieht man vieles anders.“ Die Betonung war so, dass er auch hätte sagen können „Kinder sind Idioten und haben von nichts eine Ahnung.“ Das hat mich angetickt. Was ist, wenn es genau andersrum ist? Was ist, wenn Kinder noch im Besitz aller intuitiven Weisheiten und Wahrheiten sind, die uns von Gott mit auf unseren Weg gegeben werden, damit wir etwas daraus machen? Ich mein, Herbert Grönemeyer hat nicht umsonst gesungen „Kinder an die Macht.“ Leg die alte Schallplatte noch mal auf und hör dir den Text ganz genau an. Oder such im Internet, wenn du zu denen gehörst, die ihren Schallplattenspieler voreilig abgeschafft haben.

Die Welt ist wie sie ist, egal wie wir den Zustand bewerten, wenn wir denn in die Wertung gehen. Ich glaube, ich muss kein großer Philosoph sein um mir vorzustellen, dass sie freundlicher, friedlicher und glücklicher wäre, wenn die Kinder tatsächlich an der Macht wären.

Das war sozusagen der Kick off meiner Gedankenkette, während ich mir eine ganz vorzügliche Pizza Roma Stückchen für Stückchen einverleibt habe. Warum sind wir Erwachsenen so wie wir sind? Mit allem was uns plagt, was uns limitiert, was uns Angst macht, was uns hemmt? Gestern habe ich über die Prägung der ersten Kindheitsjahre geschrieben und wir sind sehr, sehr schnell dabei, unseren Eltern und der Gesellschaft die Schuld an unserer Misere zu geben. Wenn ich bessere Eltern gehabt hätte, dann …

Nun bin ich selber Vater  (jetzt fängt es an zu regnen und ich muss meinen Wohnwagen umziehen) und muss komplett desillusioniert feststellen, dass es auch mir nicht gelungen ist, meine Kinder ohne ein seelisches Päckchen ins Leben zu führen. Egal wie viel Mühe du dir gibst, es ist völlig ausgeschlossen, ein Kind ohne die Ausprägung der vier Grundängste großzuziehen. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist, warum Gott oder wenn du nicht an Gott glaubst die Natur das so eingerichtet hat. Ich kann nur feststellen: ist so.

Die logische Schlussfolgerung daraus ist: es gibt keine besseren Eltern. Es gäbe nur andere Eltern und du hättest ein anderes Päckchen zu tragen, aber du hättest eben ganz sicher auch ein Päckchen zu tragen. Klar, jetzt könnten wir Eltern und Gesellschaft freisprechen und uns mit unserer Klage direkt an den großen Boss wenden. Ändert es irgendetwas an deiner Situation?

So bleibt uns nur die Erkenntnis, dass wir, solange unsere Welt grundsätzlich so ist wie sie ist, mit einem Päckchen starten. Und die nächste komplett logische Schlussfolgerung ist, dass es ausschließlich uns selbst überlassen ist, was wir daraus und damit machen. Willst du weiterhin Opfer sein? Oder nimmst du die Situation an, erkennst sie als gegeben an, übernimmst die Verantwortung und machst dich auf den Weg, den Ist-Zustand in den von dir gewünschten Soll-Zustand zu verändern? Der einzige Mensch, den du verändern kannst, auf den du wirklichen Einfluss hast, bist du.

Wenn jetzt in dir Groll hoch steigt, „ja, der hat gut quatschen, wenn das alles so leicht wäre…“ dann darf ich dir sagen, ich weiß was du fühlst. Ich habe Jahrzehnte für diese Erkenntnis gebraucht und Ende 2017 war ich so hoffnungslos, dass mein Psychiater damals sehr ernsthaft über eine Zwangseinweisung in eine geschlossene Anstalt nachgedacht hat, um meinem möglichen Suizid vorzubeugen. Knappe zwei Jahre später bin ich dabei, Stückchen für Stückchen die letzten Krümel meiner Päckchen von meinen Schultern zu wischen.

Über meinen Eintritt in eine Welt voller unglaublicher Möglichkeiten, die über Werkzeuge verfügt, mit denen du deine Päckchen öffnen und Schritt für Schritt leeren kannst, habe ich gestern geschrieben.

Die vielleicht größte Erkenntnis auf meinem Weg zur höchsten möglichen Version meiner selbst verdanke ich meiner Frau Sabine. Sie verkündet gebetsmühlenartig, mit Engelsgeduld und niemals müde werdend die Botschaft, dass es leicht gehen darf. Nicht nur das Leben an sich, sondern auch der Prozess darf leicht gehen. Du darfst und kannst dein Leben bereits genießen, in vollen Zügen genießen, während du noch auf dem Weg bist.

In meiner Familie war niemand fröhlich. Lebensfreude und Genuss waren Fremdwörter. Dazu kommt die Prägung durch meine ostwestfälische Heimat. Ostwestfalen sind extrem bodenständig, harte Arbeiter und gottesfürchtig ich im wahrsten Sinne des Wortes. Es gilt das ungeschriebene Gesetz „ich muss erst dies und das erreichen und dann kann ich in Leichtigkeit, Fülle und Genuss leben.“ Leider ist in vielen Fällen das Leben schon zu Ende bevor dies und das erreicht ist. Das ist ziemlich tief in ostwestfälischen Genen verankert.

Sabines Einstellung war eine Offenbarung für mich. Heute Morgen nach dem Frühstück habe ich mir im Wohnwagen die Musik laut aufgedreht, gesungen und getanzt. Erst nackt, dann in Unterwäsche und zum Schluss im Anzug mit Krawatte. Das ist einfach nur geil.

Und nicht dass du denkst, Sabine ist in einem Zustand auf die Welt gekommen, wo ihr permanent die Sonne aus dem Arsch scheint. Auch sie hat Phasen in ihrem Leben gehabt, wo sie zweimal am Tag darüber nachgedacht hat, vom Balkon zu springen. Jeder trägt sein Päckchen. Jeder, unausweichlich.

Wir sind eine gesegnete Generation, eine wirklich gesegnete Generation. Erstmals in der Menschheitsgeschichte gibt es die Werkzeuge, die Methoden, die Techniken, mit denen wir jedes Päckchen, auch die mit rostigem Eisenschrott gefüllten Pakete von unseren Schultern nehmen können, es abstellen und hinter uns lassen können.

Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich ganz einfach: übernimm die Verantwortung für dich, für dein Leben und triff eine Entscheidung. Vielleicht leicht dahingesagt und manchmal doch so schwer umzusetzen. Doch wenn alle Begründungen, Vorwände und Ausreden aufgebraucht sind, bleibt diese einfache Formel über.

Ich wünsche dir Leichtigkeit und Genuss auf deinem Weg zur bestmöglichen Version deiner selbst.

Leben wie Leben gemeint ist.

4 Gedanken zu „17.10.2019

  1. Silvia Bandini Antworten

    Mensch, lieber Freund, das sind aber mal Gedanken nach meinem Geschmack!
    Eine Umarmung und leichteste Gedanken für dich und Sabine

    sisa

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Danke liebe Freundin. Schön. wieder von Dir zu hören. Ja ich weiß, ich bin die treulose Tomate…

  2. Jörg Heinicke Antworten

    Vor vielen Jahren las ich bei R.K. Sprenger:
    „Wähle, was Du tust, dann tust Du immer, was Du gewählt hast.“
    Und noch besser:
    „Wer fröhlich sein Glatze föhnt, hat mit dem Schicksal sich versöhnt.“
    In diesem Sinne schönes Wochenende und Gruß aus der Bahn 😉
    Jörg

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