27.10.2019

Ausziehen?

Letzte Woche war in Dortmund wieder die DKM. Die große Fachmesse der Versicherungswirtschaft, auf der sich die Branche jedes Jahr von ihrer besten Seite präsentiert. Wenn man so wie ich mehr als 30 Jahre in dieser Branche unterwegs ist und nun nicht gerade als IT-Nerd sein Dasein in irgendeinem Kellerbüro fristet, ist diese Messe auch immer ein großes Familientreffen. Essen und Trinken gibt es auch umsonst, wie es eben auf guten Familientreffen üblich ist.

Alte Weggefährten treffen. Menschen, zu denen man persönliche Bindungen und Beziehungen hat und wo man sich gegenseitig ehrlich freut, wenn man sich einmal im Jahr wiedersieht und sich neben den geschäftlichen Belangen auch privat austauscht. Diese Gespräche sind in aller Regel von hoher Intensität geprägt, man kommt ziemlich unumwunden und zügig zum Punkt, denn die Zeit ist knapp. Außerdem hat man das Bedürfnis, sich noch mit dem einen oder anderen auf die gleiche Art und Weise auszutauschen.

So habe ich mich kurz in einer stillen Ecke mit meinem Freund Jörg zusammengesetzt. Was ist in den die letzten acht Monaten, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in unseren Leben so passiert? Irgendwann kamen wir auf diesen Blog zu sprechen und er sagte sinngemäß „ich würde nicht so viel von mir preisgeben.“ Auch meine Söhne haben vor einiger Zeit in die gleiche Kerbe geschlagen. Genauso wie mein Freund Christoph. Am Wochenende habe ich einer guten Freundin aus Schleswig-Holstein nachträglich zum Geburtstag gratuliert (ich alte Pappnase hatte es nicht rechtzeitig geschafft) und auch sie sagte „einige Dinge sind mir zu privat, zu intim.“

Warum?

Warum mache ich das? Warum ziehe ich mich komplett aus? Warum lasse ich euch in mein innerstes blicken und gebe damit nicht wohlmeinenden Menschen grundsätzlich die Möglichkeit, mit einer Nadel in mein Herz zu stechen oder die Salzsäure von beißender Kritik in meine Weichteile zu gießen?

Entscheidung

Weil ich eine Grundsatzentscheidung getroffen habe. In Gespräche mit Gott von Neale Donald Walsh steht an irgendeiner Stelle sinngemäß „wenn du der Welt sagst, dass du ein Mann Gottes bist, musst du damit rechnen, verhöhnt und verspottet zu werden.“ Am 17. Tag meiner Reise hatte ich im Kloster in Rumänien eine Begegnung mit Gott. An diesem Tag habe ich für mich Gott wiedergefunden. Diese Begegnung, dieses Wiederfinden, hat mich ordentlich durchgerüttelt und ich habe stundenlang geweint. Danach musste ich eine Entscheidung treffen. Schreibe ich darüber? Schreibe ich teilweise darüber? Packe ich es so ein, dass ich unverletzlich bleibe? Oder lasse ich dich an allem teilhaben? Ich habe schwer mit mir gerungen, die Angst war groß damals. In der Stille des Klosters habe ich mich dazu entschlossen, meine Werte zu leben und sie nach außen zu tragen. Ich füge den Link zum dem Beitrag hier ein, falls du es nachlesen möchtest.
https://herrwache.de/tag-17-abends

Werte

Meine Werte sind nicht besser oder schlechter als deine. Ich bin auch weit entfernt davon, über irgendjemand zu urteilen. Weder möchte bewerten noch den moralischen Zeigefinger in die Höhe recken. Meine Werte sind eben meine Werte. Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass sie mir so wichtig sind, dass ich ohne sie nicht leben will. Ein Leben, in denen ich meine Werte nicht oder nur teilweise lebe, erscheint mir einfach sinnlos. Fragt meine Frau Sabine. Sie kann ein Lied davon singen, wie bockig ich mich anstellen kann bei sowas.

Authentizität wird im Lexikon mit „echt sein“ beschrieben. Das möchte ich leben. Es gelingt mir mal besser, mal schlechter und wer mich sehr lange kennt weiß, dass mein Weg kurvenreich und von Irrungen und Wirrungen gekennzeichnet ist. Zwei Monate nach dem Kloster habe ich auf Bali mit Mario gearbeitet bzw. Mario mit mir. Am Ende unserer gemeinsamen Stunden hatte ich eine weitere, für mich ganz persönlich bahnbrechende Erkenntnis: „ich bin ich.“ Und ich bin Liebe. Meine Werte und mein „ich bin ich“ sind seitdem sowohl Leuchtturm als auch Messlatte. Ich will echt sein. Ich will ich sein und nicht der Schauspieler meines eigenen Lebens. Vielleicht ist es sogar geschäftsschädigend für mich als Coach, wenn ich mein Innerstes nach außen kehre. Doch was wäre die Alternative? Die Alternative wäre ein Verrat an den eigenen Werten und ein Verrat des „ich bin ich.“ Nicht erstrebenswert.

Bunt

Gerade fällt mir auf, dass mein Nachbar auf dem Campingplatz seinen Wohnwagen von außen putzt und dabei singt. Ich weiß nicht, zu welcher Nationalität er gehört und in welcher Sprache er singt, doch für mich klingt es wie der Ruf des Muezzins, der mich während meiner Reise in der Türkei regelmäßig morgens geweckt hat. Das Leben auf dem Campingplatz ist bunt.

Geplapper

Wir wünschen uns Vorbilder, die perfekt sein sollen. Schwieriges Thema. Mit Perfektion kann ich nicht dienen. Ich will einfach nur jeden Tag besser werden, jeden Tag an mir arbeiten, jeden Tag neue Erkenntnisse und neue Lösungsmöglichkeiten finden. Und das Ganze, während ich in Leichtigkeit, Fülle und Genuss lebe. Kein Widerspruch! Alles geht. Ich will keiner sein, der irgendetwas nachplappert, was er von jemandem übernommen hat, der es nachplappert und es von jemandem übernommen hat, der es nachgeplappert hat. Du weißt, was ich meine.

Weg

Das größte Abenteuer auf diesem Planeten ist die Reise zu sich selbst. Ich bin seit 30 Jahren auf dieser Reise, die noch nicht abgeschlossen ist, aber ich bin einen sehr weiten Weg gegangen. Was ich heute neben meinen Ausbildungen weitergebe, ist im Wesentlichen die Summe meiner Lebenserfahrung. Ich bin der, der den Weg geht. Und den Weg gehen will. Warum? Vor 30 Jahren habe ich irgendwann meinen ersten Coach gefragt ob er das, was er mir erzählt, für sich persönlich bereits umgesetzt hat. Seine Antwort war: „Ich bin der Wegweiser. Der Wegweiser zeigt den Weg, er geht ihn nicht selbst.“ Ich war jung, vollständig unerfahren und seine Antwort hat mich schwer verwirrt. Aber ich dachte, er ist der Coach, er ist viel älter als ich, wenn er es sagt, muss es stimmen. Heute weiß ich, dass diese Antwort Bullshit ist. Einfach Bullshit. Ich für mich will keinen Coach, der theoretisch weiß, wie es praktisch gehen könnte. Ich will einen der das, was er mir erzählt, für sich persönlich in seinem Leben umgesetzt hat. Und ich weiß, dass es meinen Coachees genauso geht. Wir brauchen keine Vorbilder, die sich in Gelaber flüchten oder sich unter Umständen ganz verpissen, wenn die Wogen des Lebens mal so richtig hoch schlagen. Mein Coach ist wie mein Captain und ich will mein Leben in die Hände eines Captain geben, der schon Windstärken über zwölf auf hoher See überstanden hat. Der weiß, was zu tun ist, wenn der Orkan im Inneren wütet.

Betrug

An dieser Stelle fällt mir ein anderer bescheuerter Spruch ein: „die Menschheit will betrogen werden.“ Nein, will sie nicht. Ich kenne niemanden der von sich selbst sagt, ich will betrogen werden. Da niemand als Einzelperson betrogen werden will und die Summe aller Einzelpersonen die Menschheit bildet, will auch die Menschheit nicht betrogen werden. Bingo! Es geht um Vertrauen. Vertrauen haben können. Mit unseren Geschichten fällt es uns häufig so unendlich schwer, Vertrauen zu haben. Vertrauen aber ist essenziell für das menschliche Leben. Ein Leben in ständigem Misstrauen, in ständigem auf der Hut sein, in ständiger Wachsamkeit, in der ständigen Fragestellung „ist der echt oder unecht?“ kann kein erstrebenswertes Leben sein.

Wenn ich mich hinsetze, um zu schreiben, habe ich irgendeinen Grundgedanken, der mich umtreibt. Während des Schreibens entwickelt sich die Geschichte dann weiter. Eigentlich denke ich nur so für mich vor mich hin und gebe euch meine Gedanken preis. Nachdem ich jetzt eine Weile vor mich hin gedacht habe, stelle ich für mich selbst überrascht fest, dass ich wieder bei Werten angekommen bin. Werte im eigenen Leben, Werte im Zusammenleben und in der Zusammenarbeit mit anderen. Vielleicht ist es mit 58 Jahren schon beginnender Altersstarrsinn, aber nach meiner tiefen Überzeugung sind sie unverrückbare Eckpfeiler des Lebens.

Wie gesagt, kein erhobener moralischer Zeigefinger. Du darfst jede andere Wahrheit als die deine ansehen.

So, nun nehme ich den Kampf mit den letzten Mücken der Saison auf, die in den letzten Stunden meinen Wohnwagen für sich als Jagdgebiet erkoren haben. Warum lasse ich auch die Tür auf?

P.S.: ich habe Zwischenüberschriften eingefügt. Meine Seite basiert auf WordPress und diese Software bewertet meinen Schreibstil. Sätze zu lang, keine Zwischenüberschriften, dies und das. In Summe also scheiße zu lesen… So weit sind wir schon, dass deine Software an dir rumnörgelt… Nun habe ich wenigstens Zwischenüberschriften eingefügt. Mal sehen, ob ich jetzt ein Fleißbienchen bekomme…

3 Gedanken zu „27.10.2019

  1. Dirk Antworten

    Hallo Götz,
    zwar sind wir keine langjährigen Freunde, sondern unser Kennenlernen entsprach eher einem Intermezzo in deinem und meinem Leben, was es aber nicht weniger interessant macht. Und ich gebe dir bei fast allem, was du oben schreibst, Recht: keiner will beschissen werden und ein Ratgeber sollte genau wissen, wovon er spricht. Leider ist meiner Erfahrung, dass gerade in der Versicherungswirtschaft diese Überzeugung nicht sehr verbreitet ist. Du magst dabei eine leuchtende Ausnahme sein und ich freue mich, wenn Du diesen Samen weiter streuen kannst. Mir fällt dazu der Spruch ein: „Urteile niemals über jemanden, in dessen Schuhen du nicht gegangen bist!“.
    Ich liebe deine Offenheit in diesem Blog und du hast (WordPress mag sich das bitte „zu Herzen“ nehmen!) „eine Schreibe“! Zwischenüberschriften hin oder her. Alles nachgequatschte vermeintliche Weisheiten eines Elektronenhirns.
    In einem Punkt sehe ich es aber ein wenig anders: es ist wirklich kritisch, dieses Nackigmachen in alle Welt hinaus zu schreiben. Denn geschriebene Worte können mißverständlich sein. Es fehlen ihnen, bitte verzeih dieses harte Urteil, die Emotionen. Die sind nur rudimentär durch Worte transportierbar. Was ich sagen will: das gesprochene Wort ist deutlich gefühlsbetonter, als das geschriebene Wort.
    Nun magst du evt. einwenden: „Aber dann dürfte es ja auch keine Bücher geben?!“…. Ja und Nein… In den Gesellschaften weit vor unserer Zeit und vor der Erfindung des Buchdrucks war es üblich, dass Erfahrungen, Geschichten, Traditionen mündlich weitergegeben wurden. Das mag jetzt altbacken, fortschrittsfeindlich und rückwärtsgewandt klingen, aber es hat was für sich, den Lehrer, den Erzähler, den Schamanen (wie sie früher genannt wurden) persönlich zu erleben. Die Qualität ist um eine Vielfaches höher und besser.
    Ich weiß, dass solche Erkenntnisse nicht in unsere moderne Welt passen und auch ich schrieb einen Blog (es fällt mir immer schwerer meine vielfältigen Gedanken darin in „Artikel“ zu pressen) und lese deinen Blog mit Freude und Anteilnahme. Was ich aber sagen will, ist: Ich gehe raus (und ich sehe dich ähnlich) und erzähle meine Geschichten, meine Erkenntnisse, meine Weisheiten in persönlichen Gesprächen, Gruppen oder Vorträgen. Dadurch bin ich um einiges authentischer als beim Schreiben, wo die Hälfte meiner Emotionen fehlen, da ich sie nicht verbalisieren und darstellen kann (Du kennst das: Intonation, Körpersprache etc.). All das gehört zu einem vollständigen Erlebnis dazu.
    Na klar „kostet“ das Reichweite. Aber darauf kommt es bei einem authentischen Leben doch nicht an, oder?

    Sei ganz Du und stehe da, wo Du hingestellt wurdest. Hier ist der Platz für Dein Wirken.

    Schamanen reisen. So wie du. Ihr Platz kann auch morgen ganz wo anders sein. Dann ist das so!

    Du fehlst mir ein wenig, hier in Berlin, in unserer Igroup. Als Gesprächspartner offline. Aber vielleicht finden wir ja einen Weg. Telefonieren mag ja ein Anfang sein…

    Herzlich, Dirk

  2. Jörg Heinicke Antworten

    Echt sein, wahrhaftig, eckig und kantig sein und auch nachplappern fällt auch aus.
    Nicht sagen, was man tun könnte, wenn man etwas würde, sondern machen.
    Unser Ding!
    Liebe Grüße (heute) aus Bremerhaven
    Jörg

  3. Roolf Roolfs Antworten

    Lieber Götz,
    „indem ich mich zeige, bringe ich Freude und Glück in die Welt“. … so lautet meine Affirmation. ….und seit ich dieses lebe, erlebe ich viel mehr Freude und Glück…, denn es kommt zurück zu mir.
    in diesem Sinne kann ich Dir nur mitteilen. Bleib so, mache so weessereiter. Ich freue mich wenn ich deinen Blog lese, weil auch ich einer derer sein durfte, die dich auf den Weg gebracht haben. Und es kommt zurück zu mir. Also dass alleine zeigt, wie richtig es ist offen zu sein und sich zu zeigen.
    nach ja , und wir widerlegen das Klischee der Leute in der Versicherungsbranche. Diese Offenheit lebe ich auch in meinen Verkaufgesprächen… und sie kommt gut. Wen ich mich zeige, werde ich gesehen, dann kann der Kunde mich einschätzen. Und daraus folgt, dass ich mehr Kontakt mit Menschen habe die damit umgehen können. Also mehr offene Gespräche, im Sinne Vertrieb , erfolgreicher…. Bis bald, Dein Roolf

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