Tag 34

Tag 34

Ich habe mich selbst reingeritten. Ich, mit meiner großen Klappe, die mich noch mal umbringt. Ne, nicht wirklich, sagt man so… 🙂  Fikret hat einen Safari-Park und verleiht Quads. Vor Monaten, als die Planung der Reise losging, habe ich mit Betty den Aufenthalt in der Türkei skizziert und leicht und locker von mir gegeben, dass ich dann ja als kleine Gegenleistung für eine günstige Unterkunft und Betreuung vor Ort die Quads so’n bisschen für die nächste Saison fit machen könnte. Ich wollte so gern mal wieder was Praktisches machen. Mit dem Schraubenschlüssel in der Hand kommt man auf andere Gedanken. Nicht immer nur diesen theoretischen, kaufmännischen Kram. Ich Dösbaddel. Die Idee wurde mit großer Freude aufgenommen. Seit heute weiß ich definitiv, warum. Es geht nämlich nicht ums fitmachen im Sinne von leichten Wartungsarbeiten, sondern darum, Tote wieder zum Leben zu erwecken. Alter Falter. Die Dinger sind nicht runtergerockt oder abgenutzt, die sind zerstört.

Was die Kombination aus betrunkenen Russen, komplett rücksichtslosen Arabern und einem türkischen Mechaniker, der redet, aber nicht macht und dann mit der Kohle für die Ersatzteile abhaut, an Quads anrichtet, die vor 2 Jahren fabrikneu gekauft wurden, sprengt all meine Vorstellungen, die ich bis heute hatte. Dazu kommt, dass der Mechaniker nicht repariert hat im Sinne eines Werkstatthandbuchs, sondern durch Überbrücken, Umbauen oder Weglassen von Teilen eine kurzfristige Nutzbarkeit wieder hergestellt hat. So kannst du zum Beispiel, wenn die Kiste nicht anspringt, die Fehlersuche nach Buch knicken, denn das Buch geht natürlich vom Original-Kabelverlauf aus und nicht von einer elektrischen Anlage, bei der zum Starten das Anlassrelais mit einer 13-er Steckhülse überbrückt wird. Mädels, sorry für den Technikscheiß, aber das muss Mann jetzt mal loswerden.

Heute waren überraschend Kunden da und von den letzten fahrbereiten Quads ist eines während der Tour ausgestiegen. Den Geräuschen nach hat es das Getriebe zerlegt. Fikret und sein Bruder halten die Zerlegung und Instandsetzung eines Getriebes für eine sinnvolle, erste Aufgabe für mich. Na denn, ich bin ja mal gespannt, mit welchem Ruf ich hier in 14 Tagen das Land verlasse. Auf jeden Fall ist der Verlauf der nächsten Tage geklärt. Keine Details an dieser Stelle, nur ein einziges Foto mit Blick auf einen Patienten.

Patientenlager. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

 

Eine andere Sache treibt mich noch um, angeregt durch einen Kommentar zu den Rentnern von gestern, die sich mir in den schönen Blick auf das Meer gesetzt haben. Es wird die Frage aufgeworfen, ob die Rentner ein Symbol für eine Störung in meinem Umfeld sind und ob es noch Dinge gibt, die ich aus dem Weg räumen soll? Sehr gute Frage, sehr guter Aspekt, der mich heute, neben den Quads, doch nachhaltig beschäftigt hat. Danke, Guido! Die realistisch betrachtet einzig mögliche Antwort lautet: keine Ahnung und außerdem ist es vorbei, Schnee von gestern. Aber man kann ja, quasi als Hobby, noch ein bisschen auf möglichen Aspekten rumdenken. Mir fiel dazu ein polnisches Sprichwort ein, das ich erst seit kurzem kenne. „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen“. Es geht beim Zusammentreffen zwischen denen und mir ja nicht nur um mich, die haben ja auch ihren Film. Wenn zwei Menschen in einem Alter, wo wir reichlich Lebenserfahrung als gegeben annehmen dürfen, sich so offensichtlich daneben benehmen, steckt mindestens unbewusst eine Geschichte dahinter. Natürlich habe ich tief Luft geholt, um meiner Empörung über die Idioten Ausdruck zu verleihen und sie von dem Platz in meinem Blickfeld zu verjagen. Vielleicht habe ich eine Gelegenheit, für mich und meine Belange einzustehen, was sicher noch ein Thema in meinem Leben ist, ungenutzt verstreichen lassen. Aber im Gegensatz zu Euch, die Ihr nur das Foto habt, habe ich die Menschen in Gänze wahrnehmen können. Es war das Gegenteil eines zufriedenen Altenteils am Ende eines glücklichen Lebens. Muss ich solchen Menschen in ihrer Enttäuschung, ihrem Frust und ihrem unbewussten (oder bewussten???) Wunsch nach Streit entgegenkommen oder darf ich ihnen das „Geschenk“, das sie mir machen wollen, mit dem Stempel „Annahme verweigert“ zurückgeben?

Nach einem kurzen Hin und Her in mir habe ich mich dazu entschieden, keine endlose Grundsatzdebatte über „ich darf sitzen wo ich will“ „ne, darfst Du nicht…“ mit abschließender schlechter Laune und einem Adrenalinpegel im gesundheitlichen Grenzbereich zu führen, sondern mich über sie zu belustigen und rechts an ihnen vorbei aufs Meer zu schauen. Danach bin ich in innerer Balance zum Essen gegangen, türkische Hähnchenpfanne, sehr lecker und hatte sie schon vergessen. Nur für den Blog habe ich sie nochmal hervorgekramt, denn sowas erlebt man ja nicht alle Tage.

Ich glaube, ich räume lieber in mir Dinge aus dem Weg. Macht mehr Sinn als Rumstreiten mit Rentnern. Wenn ich die Sache mit dem Universum soweit richtig verstanden habe, setzen sich die Rentner dann ja sowieso woanders hin oder kommen, wenn ich nicht da bin… 😉

Gute Erkenntnis für mich, prima Kommentar. Du hast mir geholfen, Guido!

 

2 Gedanken zu „Tag 34

  1. Guido

    Mein lieber Götz,
    ich freue mich sehr darüber, dass ich Dir einen Denkanstoß geben konnte
    Mehr gleich noch per Email
    Ich wünsche Dir weiterhin eine unvergessliche Reise (auch ins ICH)
    Herzliche Grüße und ich werde Dich weiterhin mit viel Aufmerksamkeit und
    Spannung begleiten
    Guido

  2. Regine

    Lieber Götz,

    ich kenne dich ja nur in Freizeit- oder Kaufmannsdress. Würde mich super über ein Mechanikerbild mit Öl und Schweißflecken freuen. ????????

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