Tag 36

Tag 36

Heute habe ich mich aus dem Bett gequält. Mein Körper fühlt sich müde an, leichte Gliederschmerzen, als ob eine Erkältung im Anzug ist. Dieses innere Frösteln, das auch nicht weggeht, wenn es warm im Zimmer ist. Das Frühstück war auch mehr Nahrungsaufnahme denn Genuss. Hinterher bin ich einfach sitzen geblieben, unfähig mich zu bewegen. Ich kenne diesen Zustand schon sehr, sehr lange. Er begleitet mich durch mein Leben und tritt immer dann auf, wenn ich an der Grenze meiner Verarbeitungskapazität angekommen bin. Ich sitze, werde immer weicher, immer wärmer und irgendwann bin ich nur noch bei mir, ohne Kontakt zur Außenwelt. So habe ich mehr als 2 Stunden regungslos gesessen und mich meinen Gefühlen, meinen Bildern und meinem inneren Dialog hingegeben. Ich glaube, heute war ein besonderer Moment. Ich glaube, etwas von mir verstanden zu haben. Das Gefühl überwältigt mich und ich traue mich kaum, es auszusprechen. Tränen laufen. Ich werde immer empfindsamer, immer sensibler für das, was um mich herum vorgeht. Es fühlt sich an, als ob Tausende von kleinen Antennen am ganzen Körper aus mir rauswachsen und jede noch so kleine Schwingung in meiner Umwelt aufnehmen. Ich glaube, dass sich ein Teil von mir diese Fähigkeit schon immer gewünscht hat. Ich begreife sie auch als Gabe und Gnade, doch Stand heute habe ich nicht den blassesten Schimmer, wie ich damit im täglichen Leben umgehen soll, was ich daraus machen soll und wie ich diese Fähigkeit für mich persönlich richtig dosieren kann. Die Ruhe des Klosters hat den Maßstab dafür geliefert, wie ich mich fühlen kann, wenn ich mich in einem für mich optimalen Rahmen bewege. Das Leben ist kein Ponyhof wie der Berliner sagt und ich kann von Glück sagen, dass ich jetzt hier in Avsallar bin und nicht nach dem Kloster wieder in das Berliner Leben eingetaucht bin. Ich fühle mich wie ein Gefäß, in das ständig etwas hineinfließt. Ich schlafe hier 8-10 Stunden pro Nacht und dennoch reicht die Zeit nicht aus, um im Schlaf alles wieder aus mir herausfließen zu lassen. Am Ende eines Tages fühle ich mich, als ob ich überlaufe. Die Aufnahmekapazität ist erschöpft und dennoch wird weiter eingefüllt. Die Kompensation besteht dann aus Essen und Alkohol. Es ist zwar nur ein Bier, aber ich habe das Gefühl, dieses Bier zu brauchen und das ist nicht gut. Eigentlich möchte ich dann viel lieber in den Arm. Ich möchte mich einkuscheln, gehalten werden und Schutz finden, Schutz finden vor der Welt. Nicht vor der bösen Welt, nicht vor der Welt, mit der ich nicht fertig werde, nicht vor irgendetwas, wovor ich Angst habe, sondern einfach nur Ruhe finden vor dem, was ständig auf mich einströmt.

Fikret hat einen Freund, Ahmed. Ahmed geht in wenigen Tagen als Fotograf nach Dubai und im Augenblick hat er nichts zu tun. So besucht er Fikret regelmäßig nachmittags Safaripark. Er ist ein netter Kerl, freundlich, mit einer positiven, liebevollen Ausstrahlung. Ich mag ihn. Gestern haben Betty und er ein Gespräch, eine leidenschaftliche Diskussion, über seine hochkomplizierte Beziehung zu seiner russischen Frau, mit der er gemeinsam eine kleine Tochter hat, begonnen. Zuerst habe ich bei den beiden gesessen, ohne mich wirklich an dem Gespräch zu beteiligen. Nach einiger Zeit bin ich gegangen und im Park umhergewandert. Ich musste mich entfernen, ich musste mich abgrenzen, ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich habe Bettys Gefühle gefühlt, ich habe Ahmeds Gefühle gefühlt und ich habe es nicht ausgehalten. Früher bin ich bei solchen Gelegenheiten aggressiv geworden, ohne zu verstehen warum und ohne zu wissen, wohin mit meiner Aggressivität. Von daher betrachtet bin ich schon mal einen entscheidenden Schritt weiter. Durch einen Test weiß ich, dass ich hypersensibel bin. Meine allerletzte Handlung in Berlin war der Besuch bei einer Schamanin. Sie hat mir mit auf den Weg gegeben, dass ich spirituelle Fähigkeiten habe, die darauf warten, genutzt und ausgebaut zu werden. Direkt im Anschluss an unser Gespräch habe ich mich ins Auto gesetzt und Berlin Richtung Norden verlassen. Herzlichen Glückwunsch.

Es ist ja nicht so, dass ein Teil von mir nicht schon immer von sowas geträumt hätte und meine äußere Erscheinung hat sich, ohne dass ich es geplant hätte, in den letzten Jahren ja auch in diese Richtung entwickelt. Ich habe nur eben keine Ahnung, was ich draus mache. Wenn Gott mir diese Gnade mit gibt, dann heißt es auf jeden Fall annehmen und entwickeln. Aus irgendeinem Grunde fällt mir in dieser Sekunde ein, was ich vor 30 Jahren zu meinem ältesten gesagt habe. Ich habe gesagt „Junge, die Verschwendung von Talent ist eine Sünde. Wenn Gott dir so etwas mit gibt, dann musst du auch was draus machen, das ist dein Teil, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen“. Ich mit meiner großen ostwestfälischen Klappe und meinem Elefantengedächtnis für besondere Momente. Jetzt gilt es, mich an meinen eigenen Aussagen messen zu lassen und hier geht es um etwas anderes, als die Reparatur von Quads. Wenn ich an Indien denke, zwei Wochen lang unter den Kindern völlig mittelloser Eltern, dann kann ich jetzt schon mal anfangen zu beten. Alles ist gut, alles ist richtig, welche Fügung auch immer mich letztendlich auf diese Reise gelenkt hat, ich bin dankbar, eine Erkenntnis reiht sich an die nächste. Herr, ich danke dir.

Bis hierhin habe ich mittags geschrieben und dann bin ich ins Zentrum von Avsallar aufgebrochen. Mein Datenvolumen war aufgebraucht und wenn ich schon mal in der Nähe vom Café bin, kann ich mich dort auch hinsetzen und nochmal sacken lassen. Pudding war auch da und hat mir beim Sackenlassen geholfen.

Egal was andere sagen, Hunde haben ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt

 

Danach auf einen Tee zum Lieblingsplatz am Strand, Meer genießen und mit lieben Menschen aus der Heimat chatten. Es ging um ernsthafte, ernstzunehmende Probleme und vielleicht konnte ich Fingerzeige in die richtige Richtung geben. Im Anschluss ein sehr langer Spaziergang durch die ganze Bucht von Avsallar, zusammen mit Hunden. Fröhlich, kraftvoll, gesund und in heiterer Gelassenheit. Keine Spur mehr von Erkältung. Der Körper folgt der Seele. Es war ein erkenntnisreicher Tag und ein Puzzleteil nach dem anderen fügt sich ein.

 

3 Gedanken zu „Tag 36

  1. Robert Antworten

    Lieber Götz,

    vielleicht hätten Dir noch ein paar Tage mehr im Kloster gut getan. Wenn ich Deine Zeilen so lese, habe ich das Gefühl es war noch etwas zu früh für den Aufbruch in die Zivilisation und Deine Gedanken im Kloster sind noch nicht fertig gedacht.

    Aber vielleicht gehört dieser Kontrast dazu um zu lernen, sich regelmäßig eine gedankliche Auszeit von der all der Hektik um einen herum zu nehmen (gelingt mir leider selten). Weiterhin einen guten Weg.

    LG Robert

  2. B Antworten

    Wow, wie sich Themen doch gleichen.
    Mach weiter, denn das mit den Talenten muss ich einfach unterstreichen (Sorry :-)).
    Lass Dir sagen, mit der Zeit findet sich Umgang.
    Vielleicht erinnert sich Dein Elefantenhirn auch noch an unser Gespräch beim Griechen – es geht, aber es braucht Übung, Einlassen und leider auch Lernen durch Schmerz.
    Hilfe? Jederzeit!!!!

    Gestatte mir an dieser Stelle für andere „anonym“ zu bleiben – ich bin mir ganz sicher, Du weißt genau, wer zu diesem Thema diese Zeilen schrieb und daher den Grund durchschauen kannst.
    Liebe Grüße

  3. Roolf Antworten

    Lieber Götz,
    welcher Erzieher in dir sagt das denn ?
    Gott ist in Dir….
    mit Druck funktioniert das beste Talent nicht
    … lass mal los, spiele, ich meine genauso wie mit kaputten Mopeds, einfach anfangen….
    ….und sehen was passiert…..
    ja, das ist etwas unkoodiniert, aber das waren meine Gedanken,vielleicht kannst du damit was anfangen

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