Tag 37

Tag 37

Ich habe gestern wohl etwas losgetreten bei Euch. Neben den Kommentaren haben mich so viele persönliche Nachrichten erreicht, dass ich hier kurz noch mal etwas dazu sagen möchte. Gestern und vorgestern waren aus meiner Sicht klasse. Die Dinge, die ich erlebt habe, sind ja nicht neu für mich, im Gegenteil, die beschriebenen Gefühle begleiten mich schon seit Jahrzehnten. Wenn der Überlauf da war, bin ich aggressiv geworden, ohne zu verstehen warum, ohne damit umgehen zu können und ohne Handlungsalternativen für die Zukunft. Es ist dann zu allen möglichen Kompensationshandlungen gekommen, die aber natürlich nie eine echte Hilfe dargestellt haben, weder für mich, noch für meine Umwelt und besonders nicht für meine Familie. Insofern ist der jetzige Prozess aus meiner Sicht und nach meinen Maßstäben ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Ich habe verstanden und wenn ich verstanden habe, kann ich auch damit umgehen lernen. Wenn die Stimmung und die Gefühle, die ich gestern am späten Nachmittag bei meiner Wanderung am Strand von Avsallar hatte, einen Vorgeschmack auf mein künftiges Grundlebensgefühl bieten, dann wird das aber klasse! Zusammengefasst also auf gar keinen Fall Grund zur Sorge, sondern für mich Anlass zu tiefer Freude und Dankbarkeit. Alles passiert zur rechten Zeit und dass die Reise mich an meine Grenzen führt, war ja der Sinn der Sache. Unter anderem.

Heute habe ich auch wieder alleine verbracht. Nach dem Frühstück habe ich angefangen, mich um dies und das zu kümmern was den weiteren Verlauf der Reise betrifft, kleine Ideen zu notieren und kleinen Gedanken nachzuhängen. Dabei habe ich in meiner großen lila Kladde gekramt. Diese Kladde im DIN A4-Format begleitet mich seit Sommer 2016. Gedanken, Notizen, Fragestellungen, Heilungsansätze, Abschiedsbriefe, alles findet Platz in dieser Kladde. Ich weiß nicht mehr, was ich gesucht habe, auf jeden Fall habe ich durch „Zufall“ eine Seite aufgeschlagen, die Notizen zu einer Arbeit an Glaubenssätzen enthält, die ich im Juni 2017 gemeinsam mit meiner älteren Schwester durchgeführt habe. Ich hatte damals auf Ihre Frage „was ist dein unzerstörbarer Kern?“ keine Antwort. Auch bei intensivstem Nachdenken und Nachfühlen gab es keine Antwort. Ich habe in den anderthalb Jahren seit dem immer mal wieder die Notizen zu der Arbeit überflogen, aber keine Idee. Heute blättere ich wild hin und her und beim Blättern fällt mein Auge für weniger als eine Sekunde auf diese Frage und aus dem Nichts, jedoch mit tiefster Überzeugung und absoluter Klarheit spreche ich laut aus „mein Herz!“ Mein Herz ist mein unzerstörter Kern, mein Herz und meine Liebe. Ich glaube, das Wort Offenbarung umschreibt diese Erkenntnis richtig. Die Zeit hat für einen Augenblick angehalten und ich konnte mich mal wieder gar nicht einkriegen vor lauter Tränen, Schluchzen, Gefühlswallungen und Dankbarkeit. Meine Güte, ich bin jetzt sechs Wochen on the road; was mir auf dieser Reise schon alles zuteil geworden ist.

Ich bin kein Harter, ich bin kein Kämpfer, ich bin keiner für „entweder du oder ich“. Ich kann das, wenn die Umstände mir keine andere Wahl lassen, aber es war noch nie „mein Ding“. Kurz vor meiner Reise ist mir eine DVD über die ersten Wochen von Winston Churchill als englischer Premierminister in die Hände gefallen. In einer Szene, ziemlich am Schluss, laufen ihm in der Öffentlichkeit die Tränen und ein Kind fragt ihn „weinst du?“ und er antwortet sinngemäß „ja, ich heule oft“. Ich weine auch oft, in den letzten Wochen mehr denn je. Immerhin hat der Mann als Heulsuse den größten Krieg in der Menschheitsgeschichte gewonnen. Scheint nicht ganz verkehrt zu sein, die Strategie.

Nach solch bewegenden Erkenntnissen muss ich raus ans Meer, besonders, wenn ich schon mal in der Nähe vom Wasser bin. Scheiß auf den Regen. Die kleine Hündin mit dem beigen Fell und der dunklen Schnauze war auch wieder da und hat mich wieder begleitet. Wir sind dann ziemlich nass am Lieblingsplatz angekommen. Tee getrunken und aufs Meer geschaut. Nach einer Stunde fing es an aufzuklaren und es gab was für Auge und Herz.

Hier die Filme, in der Galerie die Fotos.

 

6 Gedanken zu „Tag 37

  1. Klaus Antworten

    Hallo Götz,
    Habe gestern in deinen Aufzeichnungen ‚geblättert‘ und nach etwas hin- und her in mir und Widerständen konnte ich mein Herz auch öffnen, so wie deines, das anscheinend wunderbar offen ist.
    Nach einer schönen und ruhigen Phase letzte Woche hat „es mich mal wieder aus der Kurve getragen“ und ich bin wieder in alte Grummelei verfallen.
    Danke dafür, dass du deine Erlebnisse mit uns teilst
    Und Danke dafür, dieses Herzgefühl unsichtbar gestern mit dir zu teilen.
    Liebe Grüße
    Klaus

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Hallo Klaus,
      mein Herz steht auch nicht immer offen. Gestern war es offen wie ein Scheunentor und ich freue mich, wenn das Universum uns verbunden hat und Du vielleicht wieder Haftung unter die Reifen bekommen hast…
      Viele Grüße
      Götz

  2. Regine Antworten

    Lieber Götz,

    wie wahr es ist dein Herz!!!!! Selten einem Mann begegnet der so offen und herzlich gibt, auf unterschiedlichen Ebenen (mit Worten, mit Gesten, mit Hilfe …).

    Deine super Videos vom Meer, Sonnenuntergang und Brandung wecken eine Sehnsucht in mir. Gut das ich im April wieder am Meer sein werde.

    Herzliche Grüße

    Gine

  3. Dirk Antworten

    Lieber Götz,
    immer wieder lese ich sporadisch deinen Blog und versuche den Faden aufzunehmen, den du spinnst. Ach was sag ich, es sind viele Fäden! Aber eines interessiert mich aus persönlicher Betroffenheit am meisten: Wie steht es um dein Experiment, mit Dir und Deinen Gedanken alleine zu sein? Ich lese bei Dir viel von Austausch über Telefon, Email, „soziale“ Netzwerke (ich halte sie für äußerst a-sozial, weil bindungsstörend), ja den Menschen vor Ort. Wie wäre (und war) es, vieles mit Dir selber auszumachen, im Innersten zu diskutieren? Im Kloster hast du schon einen Anfang gemacht, in der Türkei scheinst du wieder den technischen Möglichkeiten zu erliegen. Du schriebst davon und von deinem „Detox“-Gefühl. Sprachliche Barrieren, so blöd sie auch im Allltag sind, können so einen Prozess ja geradezu beflügeln ;).
    Das soll keine Kritik sein, nur eine freundliche Beobachtung von einem Außenstehenden 😉

    Ich hatte auf meiner Reise dieses Jahr ein ähnliches Ziel und musste für mich feststellen: ich bin kein Mensch fürs allein-sein! So habe ich dieses Ziel dann auch mal beerdigt. Auch gut!
    Dafür ich habe auf der Reise, ähnlich wie du, die Schätze meiner Gaben (wieder)entdecken und heben können. Das habe ich sehr genossen!
    Nachzulesen in meinem Blog (http://dream-it-be-it.de/2018/05/30/gedanken-am-ende-der-reise/)
    Herzlich, Dirk

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Lieber Dirk,
      ich wusste gar nicht, dass Du seinerzeit einen Blog geschrieben hast. Wie konnte das an mir vorüber gehen, wo ich doch Deine Reise als die ultimative Herausforderung begriffen habe? Den lese ich über Weihnachten, da mache ich Pause mit meinem Blog.
      Zu Deinen Fragen. Ich hatte große Angst vorm alleine sein und hatte das Kloster vor meiner Reise als „Knackpunkt“ angesehen. Die Angst ist immer gröber als die Wirklichkeit. Es war klasse, vor allem die letzte Station ohne Verständigung und nahezu ohne elektronischen Kontakt zur Außenwelt. Ich habe im Kloster neue Welten im Innen und Außen betreten, große und tiefe Erkenntnisse. Ich kann alleine sein, zumindest in diesen drei Wochen war es kein Problem. Das wollte ich gern wissen, dass wollte ich mir auch beweisen, denn langfristig alleine sein ist ganz sicher kein Lebensziel für mich. War es nie, wird es nicht. Ich bewundere Pater Constantin, der seit 14 Jahren allein in einer Hütte wohnt und nur am Wochenende zum Kloster hinabsteigt, aber das ist nicht mein Weg. Ich wollte die Erfahrung machen und mit dieser Erfahrung wirklich reif sein für Beziehung. Eine Beziehung ohne Bedürfnis, ohne Mangel, ohne Abhängigkeit. Lange Geschichte, klären wir im nächsten Jahr in Berlin.
      Hier in der Türkei hat mich (fast) das normale Leben unserer Zeit wieder eingeholt. Das hat mir zunächst ziemliche Probleme bereitet, doch nun komme ich besser und besser damit klar. Im Kloster bewusst, fokussiert und bei mir zu sein, ist „keine Kunst“. Im ganz normalen Wahnsinn unseres Lebens weiterhin die leise Stimme meines Herzens zu hören, darum geht es. Mir zumindest. Gestern war ein magischer Moment, der den tiefen Erkenntnissen im Kloster in nichts nachsteht. Vorgestern habe ich Prozesse verstanden, die mir seit Jahrzehnten Probleme bereitet haben und nun kann ich lösen. Ich bin wirklich glücklich und dankbar für jeden Schritt, jeden Tag, jede Erfahrung. Mein Leben wird nie wieder so sein, wie es bis Ende Oktober war. Nach Deiner Reise weißt Du genau, was ich meine.
      Ich danke Dir für Deinen Kommentar.

      Viele Grüße
      Götz

      • Dirk Antworten

        Ja, Götz, da haben wir ja sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Jeder auf seine Art und Weise. Ich stimme dir sehr zu, dass es Sinn macht, ja in unserer so gerne mainstreammässig gleichgeschalteten Welt Not tut, dass jede(r) herausfindet, was sein Weg, sein Stil ist und das andere zumindest einmal auszuprobieren. Das machst du uns gerade schön vor. Und teilst deine Erfahrungen mit.
        Danke dafür!
        AHO

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