Tag 39

Tag 39

Ein Ausflug mit dem Roller. Sightseeing mit Betty zu Lieblingsplätzen. Jetzt sitze ich hier und bin ziemlich alle. Eine Vielzahl von atemberaubenden Eindrücken und Bildern, die verarbeitet werden will. Ich schreibe heute mal um die Bilder und um die Videos herum, um den Tag halbwegs auf die Reihe zu kriegen. Manchmal wundert man sich ja doch, was so alles unterkommen kann in einem Tag.

Der Ort, den wir über ein, zwei Umwege zum Schauen angesteuert haben, heißt Alarahan Piknik. In der Nebensaison wird das Gelände von Mutter und Sohn allein betrieben und wir waren die einzigen Gäste. Wahnsinnig nette und herzliche Menschen, die wirklich bemüht waren, uns einen schönen Aufenthalt zu bereiten. Dieser häufig nur so dahin geplapperte Spruch vom „warm welcome“ wird hier gelebt.

Der Fisch wurde für uns aus dem eiskalten Flusswasser gefangen und sofort zubereitet. Pommes, Zwiebeln, Rotkohl und Salat aus eigenem Anbau, für uns frisch geschnitten. Das Brot selbst gebacken, die Zitrone vom eigenen Baum. Als Stadtmensch kaufe ich normalerweise denaturierte Lebensmittel, unter Schutzatmosphäre in Folie verpackt.

Frischer Fisch

Diese Mahlzeit war in einem Ausmaß natürlich und so nah dran am Kreislauf der Natur, dass mich der Gedanke daran auch jetzt noch tief berührt. Es wurde ein Lebewesen direkt für mich getötet, damit ich es essen kann. Das ist beim Schweineschnitzel, fertig abgepackt im Sonderangebot für 1,29 €/100 Gramm letztendlich genauso, doch hier ist der Bezug ein anderer.

Beim Fahren mit dem Roller kam mir die Idee, dass man sich einfach mit ein paar Leuten hier in Avsallar eine Wohnung mietet und die reihum nutzt. In der ungenutzten Zeit kann die Bude per Airbnb auch noch Geld einbringen. Den Zahn hat Betty mir gezogen, Airbnb ist in der Türkei Besitzern von Immobilien vorbehalten und kaufen würde ich nicht wollen. Während wir die verschiedenen Möglichkeiten so hin und her diskutieren, kommt uns die rettende Idee: ich beteilige mich künftig an Bettys Mietkosten für das Appartement und komme über diesen Weg zu einer festen Bleibe in der Türkei. Geil. Manchmal liegt das Gute ach so nah. Fikret hat sowieso schon gefragt, warum sie für die Wohnung zahlt, wo sie doch die meiste Zeit bei ihm wohnt. Nun haben wir die Antwort. Wenn mir künftig der Sinn danach steht, packe ich die Badehose und nette Begleiter ein, ab in den Flieger für kleines Geld und chillen am Mittelmeer. Ich bin begeistert. Schreiben und vorbereitende Tätigkeiten funktionieren hier nachgewiesenermaßen bestens.

Hier haben wir gesessen und geschwiegen. In der Hütte am Fluss und besonders an dieser Stelle am Meer auf den Steinen, wo niemand außer uns war, ist deutlich geworden, dass ich noch erheblichen Nachholbedarf habe in Punkto Vertrauen und „die Dinge einfach laufen lassen“. Der Verstand hat sich wieder einen Kauknochen zum darauf Herumbeißen gesucht und mich ganz eindeutig aus dem zwischenzeitlichen „No mind“ geholt. Am Strand war ich drin im Denk-/Regel-/Kontroll- und Planungsmodus mit einem unterschwelligen Gefühl von Bedrohung. Der ganze Körper hat gekribbelt, ich habe die Zähne aufeinandergebissen und hatte das Gefühl, ich muss schreien, wenn ich nicht bald was zu tun bekomme. Was Richtiges, was auch immer das heißen mag. Ist natürlich Bullshit, wann macht ein Kaufmann schon mal was Richtiges im Sinne von handfest? Sport hilft bei mir da auch nicht, ablenken und verarschen lässt sich mein Verstand schon lange nicht… 😉 Dinge für die Zeit nach meiner Rückkehr nach Deutschland haben sich in den Vordergrund geschoben und die Regie übernommen. Glücklicherweise saß ich neben einem Gesprächspartner, der sowas aus persönlicher Erfahrung bestens kennt und so konnte ich mich ausmüllen. Tut ja schon mal grundsätzlich gut und mein Fazit lautet: ich muss es aus dem Kopf zu Papier bringen. Dann ist es raus und es kehrt wieder Ruhe ein. Dann steht es irgendwo und kann zu gegebener Zeit in Handlung umgesetzt werden. Struktur hilft mir eben, eine sehr alte Erkenntnis, neu erfahren.

Bleibt noch das Thema mit dem Vertrauen in den Lauf der Dinge. Das verschiebe ich auf die Zeit nach Vollmond. Als wir uns von den Steinen erheben, steht der Mond schon am blauen Himmel. Morgen ist Vollmond. Um Vollmond herum habe ich sowieso einen an der Waffel. Hätte ich auch früher drauf kommen können… 🙂 An einer Kühlschranktür habe ich mal gelesen „Glaub nicht alles, was du denkst“. Das gilt besonders bei Vollmond.

 

2 Gedanken zu „Tag 39

  1. Mann an Land Antworten

    Lieber Götz, die Top-Themen des Lebens, mal so eben offenbart. Die Sätze bringen einen selbst zum nachdenken. Wieviel Vertrauen habe ich selbst in den Lauf der Dinge? Wieviel will ich kontrollieren und kann ich das überhaupt? Mein Kühlschranksatz dazu: „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst – mach einen Plan!“. In meiner Welt glaube ich an Balance – alle Aspekt in mir irgendwie in eine Ausgeglichenheit zu bringen. Nicht gegen mich zu kämpfen, sondern mich auszubalancieren. Das ist ein ständiger Prozesse – täglich, stündlich, minütlich und wenn alles klappt lande ich im Jetzt. Balance. No-Mind. Danach bekommt irgend etwas in mir wieder überhand und ich steure dagegen. Aber alle Motive in mir haben eine Berechtigung, einen Sinn, eine Funktion. Erhellen, den Grund dahinter zu erfahren und zu prüfen, ob das ein oder andere Motiv wirklich noch Sinn macht.

    • GoetzWache2018 Autor des BeitragsAntworten

      Lieber Michael,
      Balance, leicht gesagt, schwierig zu erreichen. Vielleicht ist es wie mit dem Pendel einer großen Standuhr. In der Mitte immer nur für den Hauch eines Augenblicks. Muss an Grönemeyers Lied „Sekundenglück“ denken. Vielleicht hört der Ringkampf mit sich selbst nie auf. Wir werden es erfahren. Wir können warten, wir sind ja noch jung… 😉

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